Grüner Favorit bei den Präsidentschaftswahlen in Kolumbien

In der südamerikanischen Republik Kolumbien findet am kommenden Sonntag, 30.05.2010, der erste Durchgang für die Wahl eines neuen Präsidenten statt. Alle Meinungsumfragen gehen davon aus, dass der Kandidat der Grünen Antanas Mockus in die Stichwahl kommt und sich dort ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Kandidaten der liberal-konservativen Regierungsparteien, Juan Manuel Santos, liefern wird.

MockusMockus ist Sohn litauischer Einwanderer. Er war Professor für Mathematik und Philosophie in Bogotá und in den USA und wurde zwei Mal zum Bürgermeister der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá gewählt (1995 – 1997, 2001 – 2003). Bereits 2006 war er Präsidentschaftskandidat. Damals trat er für eine kleine Partei an, die sich für die Rechte der Indios einsetzte (Movimiento Alianza Social Indígena, ASI). Im August 2009 schloss er sich mit zwei weiteren ehemaligen Bürgermeistern von Bogotá den Grünen (Partido Verde Colombiano) an.

Kolumbien wurde 1819 von Spanien unabhängig und einige Jahrzehnte später die erste Demokratie Lateinamerikas. Die Geschichte der Republik verlief jedoch alles andere als friedlich. Sie war bis Mitte des 20. Jahrhunderts von mehreren Bürgerkriegen zwischen Liberalen und Konservativen geprägt. Das Land war durch Kaffeeexporte zu Wohlstand gekommen. Der Reichtum wurde jedoch sehr ungleich unter der Bevölkerung aufgeteilt. Die liberalen und konservativen Eliten fanden in der Mitte des 20. Jahrhunderts einen Kompromiss und teilten sich die Macht im Staat auf allen Ebenen auf, was den Ausschluss aller anderen politischen Richtungen zur Folge hatte. Da umfassende soziale Reformen aus blieben kam es zu bewaffneten Konflikten mit linksgerichteten Guerillagruppen, die heute noch andauern. Weitere Stichworte, die die Situation in Kolumbien beschreiben: Korruption, Misswirtschaft, Nepotismus, Aushöhlung des Rechtsstaates, paramilitärische Verbände im Auftrag der Großgrundbesitzer, Entführungen, Drogenmafia und Gewalt von verschiedener Seite: Militär, Guerilla, Paramilitärs, Drogenmafia, USA … Kolumbien steht wegen seiner negativen Menschen- und Bürgerrechtsbilanz in der Kritik internationaler Organisationen, z.B. von Amnesty International.

1998 wurde die Partido Verde Oxígeno als erste Grünpartei in Kolumbien gegründet. Ihre Vorsitzende und Präsidentschaftskandidatin war Íngrid Betancourt, die 2002 während der Präsidentschaftskampagne von der FARC-Guerilla entführt und sechseinhalb Jahre gefangen gehalten wurde. Betancourt ist Ehrenpräsidentin der Global Greens, dem Weltverband grüner Parteien.

Die Partido Verde Oxígeno verlor – gerade auch wegen der „Abwesenheit“ ihrer Vorsitzenden – an Bedeutung. 2005 wurde die Partido Verde Opción Centro als neue Grünpartei gegründet. 2009 benannte sie sich in Partido Verde um und nominierte Antanas Mockus als Präsidentschaftskandidaten.

Der Partido Verde Colombiano ist seit den Parlamentswahlen vom 14. März 2010 mit fünf Senator/innen (4,9% der Wählerstimmen) und mit drei Kongressabgeordneten (3,0%) im kolumbianischen Parlament vertreten.

Auch wenn die Grünen als Partei also keinen allzu großen Zuspruch haben, scheint es doch so, dass viele Kolumbianer/innen – vielleicht sogar die Mehrheit – in einem Präsidenten Antanas Mockus Hoffnung für ein Ende der Gewalt, für die konsequente Einhaltung der Verfassung und der Menschenrechte, für Demokratisierung, die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und die Modernisierung des Bildungssystems sehen.

Declaration of the Global Greens Coordination regarding the presidential election campaign of the Colombian Green Party

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