Der Strom kommt aus der Steckdose – Monopolisierte Liberalisierung?

Ich habe vorgestern wieder – so wie jeden Monat – zwei Briefe gleichzeitig von der VKW bekommen: Einen von der VKW-Ökostrom Gmbh und einen von der VKW-Netz AG.

Nein! Nein! Das wird jetzt kein Appell, dass die das doch in ein Kuvert stecken und Papier und Porto sparen sollen. Nein!

Das Problem liegt viel tiefer!

VKW

Vor ein paar Jahren wurde der Strommarkt „liberalisiert“. Angeblich heißt das: Jeder und jede kann Strom produzieren, kann Strom verkaufen und kann ihren/seinen Strom kaufen, bei wem er/sie will. Theoretisch! Grundsätzlich! Soweit so gut.

Nun kann mensch ja zu dieser Liberalisierung stehen, wie mensch will. Ich würde mal sagen, wenn Versorgungssicherheit und Konsumentenschutz gewährleistet sind, soll es meinetwegen so sein. Aber dann richtig! Wir stoßen da nämlich auf ein paar Probleme in der Praxis.

Energiepolitische macht die Liberalisierung insofern Sinn, da die Energiewende, vor der wir stehen, nicht nur eine Wende von fossilen und nuklearen zu erneuerbaren Energieträgern ist, sondern weil sie auch eine Dezentralisierung der Stromproduktion und der Organisation der Elektrizitätswirtschaft ist. An die Stelle der großen, „alten“ Energiekonzerne werden immer mehr kleine und kleinste Einheiten treten: Private mit einer Photovoltaikanlage am Dach, Dorfgemeinschaften, die sich ihr eigenes Windrad auf den Berg stellen, Genossenschaften, die Kleinwasserkraftwerke revitalisieren. An die Stelle der Abhängigkeit von den alten Monopolanbietern treten Eigenverantwortung, Selbstversorgung und Bürgerbeteiligung.

Sagen wir mal ich, die Fa. Lechner-Strom, produziere hier in Bregenz Strom – Ökostrom natürlich – und will ihn an eine Kundin in Kärnten verkaufen. Da müsste ich über die ganze Strecke eine Leitung legen. Das würde sich in 1.000 Jahren nicht rentieren. Diejenigen, die schon als Monopolisten vor Jahrzehnten ihre Kabel vergraben haben, hätten einen gewaltigen Marktvorteil.

Übrigens könnte ich zwar nach Kärnten Strom verkaufen, nicht aber nach Lindau. Umgekehrt darf ich auch keinen Lindauer Strom kaufen. Angenommen ich will ausschließlich Strom aus Temelin haben. Darf ich nicht! Umgekehrt darf sich eine Tschechin nicht für Ökostrom aus Deutschland entscheiden. Ihr bleibt zu Temelin kaum eine Alternative. Also von einem europäischen freie Markt sind wir beim Strom noch weit entfernt. Warum eigentlich?

Zumindest das Problem mit den verlegten Kabeln hat aber auch der/die Gesetzgeber/in eingesehen: Alle bisherigen (regionalen) Strommonopole mussten sich aufgliedern in (zumindest) eine Stromproduktionsgesellschaft und in (zumindest) eine Netzgesellschaft. Deshalb bekomme ich zwei Rechnungen: Eine für’s Netz und eine für den Strom. Beim Strom könnte ich mich auch anders entscheiden: Für die Linzer Stadtwerke, wenn ich möglichst viel Geld ausgeben will, für die Tiwag, wenn ich den Wahlkampf von ÖVP-Bürgermeistern subventionieren will oder für die Ökostrom AG, wenn mir die VKW-Ökostrom Gmbh suspekt wird.
Egal wie, um das VKW-Netz komme ich aber nie herum, weder physikalisch, weil halt keine anderen Kabel da sind, noch buchhalterisch.
Auch okay.

Also nochmals zurück zum Beispiel. Ich produziere also meinen eigenen Ökostrom und verkaufe ihn an Freund/innen in Kärnten. Die VKW-Netz AG ist verpflichtet, meinen Strom einzuspeisen und zumindest bis zum Arlberg zu liefern und dann muss ihn die Tiwag weiterleiten usw. zumindest virtuell bzw. in der Buchhaltung. Physikalisch gibt’s in Kärnten natürlich nie Vorarlberger Strom. (Das ist wie mit einer Überweisung: Wenn ich in Bregenz 100,– Euro nach Villach überweise und mein Kärntner Geschäftspartner holt sich in Villach beim Bankomat 100,– Euro, ist das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht der selbe 100-Euro-Schein, den ich bei der Bank in Bregenz abgegeben habe.)

Theoretisch sind nun die formellen und informellen Bedingungen für die Fa. Lechner-Strom bei der VKW-Netz-AG genau die selben wie für die VKW AG oder für die VKW Ökostrom Ges mbh. Praktisch aber natürlich nicht? Die VKW-Netz, die ein Teil des selben ökonomischen Konglomerats, wie die anderen VKW-Gesellschaften ist, die im selben Gebäude untergebracht ist, die das selbe Personal und die selbe Infrastruktur (Buchhaltung, Drucker für Rechnungen, Postversand …) verwendet, wird der Fa. Lechner-Strom vermutlich anders gegenübertreten, wie den VKW-Schwestern. Sie wird Lechner-Strom als lästige Konkurrenz ansehen, die die schöne alte Ordnung im VKW-Netz stört.

Wollen wir also wirklich einen liberalisierten Strommarkt, müssen Stromanbieter und Netz weit mehr als nur buchhalterisch getrennt werden. Das ist im Übrigen keine Kritik an der VKW. Dass die das so machen, wenn sie es machen können, ist betriebswirtschaftlich vollkommen nachvollziehbar. Das Problem ist, dass sie es machen dürfen. Hier sind die Gesetzgeber/innen gefordert. Die alten Anbieter sind ohnehin schon massive bevorteilt. Sie haben alte, große, abgeschriebene Kraftwerke (die teilweise kostenschonend von NS-Zwangsarbeitern errichtet wurden). Die neuen am Markt müssen neue, teure, moderne Anlagen errichten und finanzieren. Sie sollten wenigstens beim Zugang zum Netz gleichberechtigte Bedingungen vorfinden.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter v-energie abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s