Städtepartnerschaft Beyoğlu

Konzeption für die Gründung einer Initiative, erstellt von Mario Lechner im Auftrag des Vereins Motif

Kurzfassung

Ausgehend von den Vereinen Between und Motif hat es in den letzten Jahren mehrere Kontakte bzw. gemeinsame Projekte zwischen dem Istanbuler Stadtbezirk Beyoğlu und Bregenz gegeben. Diese Kontakte sollen fortgesetzt und über die Bereiche Jugend und Kultur hinaus ausgeweitet werden.

Es wird eine Initiative gegründet, deren Ziel die Begründung einer offiziellen, dauerhaften, breiten und lebendigen Städtepartnerschaft zwischen Beyoğlu und Bregenz ist. Diese soll es vielen Bregenzer/innen – mit und ohne türkischem Migrationshintergrund – ermöglichen, die moderne Türkei kennen zu lernen und mit Türk/innen in Austausch zu treten. Die Städtepartnerschaft leistet so einen Beitrag zur Bregenzer Integrationspolitik.

Galata

Vorgeschichte

Die Kontakte zwischen Istanbul bzw. Beyoğlu und Bregenz reichen zurück in die 1990er Jahre. Das damalige städtische Gastarbeiterreferat hatte Kontakt zum Verein zur Betreuung von Straßenkindern in Istanbul (Umut Çoçukları Derneği). Diese Kontakte wurden in den folgenden Projekten bis heute fortgeführt.

Von 2004 bis 2009 organisierte das Jugendzentrum Between vier europäische Jugendaustausche mit Istanbul. Der erste fand mit der Istanbuler Vorstadtgemeinde Bahçeşehir im Landkreis/Stadtteil Büyükçekmece, statt. Die Kontakte verlagerten sich aber rasch ins Stadtzentrum. Zwei mal waren Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund aus Bregenz in Istanbul. Zwei mal kamen Jugendgruppen aus Istanbul nach Bregenz. Es waren bei den Austauschprojekten jeweils etwa 30 Jugendliche aus Istanbul und 30 aus Bregenz beteiligt. Auf dem Programm standen immer auch offizielle Besuche bei den Bürgermeistern von Bahçeşehir, Beyoğlu oder Bregenz.

In den Jahren 2008 und 2009 wurde versucht einen Vierländeraustausch zustande zu bringen, was jedoch nicht gelang. Es gab aber auch in diesen Jahren mehrere Kontakte zwischen dem Between bzw. dem aus dem Between heraus gewachsenen Verein Motif mit zahlreichen Partner/innen in Beyoğlu bzw. Istanbul.

2008 wurde in einem gemeinsamen Projekt des Vereins Motif und der Suchtprophylaxe der Stiftung Maria Ebene (SUPRO) der Film „Anababa – Meine Familie und ich“ produziert, der als Input für Suchtprophylaxe-Veranstaltungen dient (türkisch, OmU). Für das Projekt konnten der bedeutende türkische Schauspieler und Theaterdirektor Ali Poyrazoğlu und der Filmemacher Ulaş Ak gewonnen werden.

Ali Poyrazoğlu, der schon zuvor mehrmals für Theaterworkshops des Vereins Motif in Bregenz war, hat der größten türkischen Tageszeitung Hürriyet im Februar 2010 ein Interview über seine Aufenthalte in Bregenz gegeben: Bu şehirde 90 yaşında öleni erken bir vefat diye uğurluyorlar .

Motif in SisliZu Ostern 2010 haben Between und Motif eine Studienreise in die Kulturhauptstadt Istanbul organisiert, an der über 50 Personen aus Vorarlberg, vorwiegend aus Bregenz, teilnahmen. Die Reise wurde vor Ort von der Stadtverwaltung Beyoğlu nach Kräften unterstützt. Einer der Höhepunkte war die Aufführung des in Vorarlberg entstandenen Theaterstücks des Vereins Motif „Flucht ist kein Verbrechen“ im Ali Poyrazoğlu Tiyatrosu.

Kontakte bestehen insbesondere

zur Gemeindeverwaltung von Beyoğlu (Beyoğlu Belediyesi), zum Bürgermeister und zu den Ämtern für Jugend und Kultur,

zur Kulturstiftung der Akbank (Akbank Sanat),

zum Ali-Poyrazoğlu-Theater (Ali Poyrazoğlu Tiyatrosu),

zu den Ortaoyuncular, dem ältesten Theater der Türkei,

zum Muammar Karaca Tiyatrosu.

zu Ulaş Ak, Filmemacher Regisseur und Produzent, Direktor der Travma film sinema & TV production

und zum Straßenkinderverein (Umut Çoçukları Derneği)

Idee

Aus diesen Projekten ist die Idee und der Wunsch entstanden, dass Bregenz eine Partnerstadt von Beyoğlu wird. Die Partner/innen in Beyoğlu, insğbesondere die Kommunalverwaltung und der Bürgermeister von Beyoğlu, Herr Ahmet Misbah Demircan, begrüßen dieses Vorhaben.

Ausgangslage in Bregenz

Bregenz ist Partnerstadt von Bangor in Nordirland und Akko in Israel. Die Partnerschaft mit Bangor ist von kleinen Anfängen an gut gewachsen und läuft relativ erfolgreich. Die Partnerschaft mit Akkor wurde künstlich eingerichtet und hat nie funktioniert. Daher gibt es bei den Verantwortungsträger/innen eine große Skepsis gegen weitere Städtepartnerschaften. Mehrere Initiativen wurden bereits abgelehnt.

Die Möglichkeit einer Partnerschaft mit Beyoğlu wurde den Stadtverantwortlichen bereits dargelegt. Die bisherigen Reaktionen sind unterschiedlich. Die großen Chancen die eine solche Partnerschaft bringt, werden noch nicht ausreichend gesehen.

Integrationspolitischer Zusammenhang

Bregenz ist eine Einwanderungsstadt. Mindestens ein Viertel der Bregenzer Bevölkerung – vermutlich aber mehr als 30% – haben einen Migrationshintergrund. Die größte Gruppe unter den Bregenzer Migrant/innen stammt aus der Türkei. Drei Mitglieder der 36-köpfigen Stadtvertretung sind türkischer Herkunft. Es bestehen daher unzählige informelle und formelle Beziehungen zwischen Bregenz und der Türkei. Bregenz ist Sitz eines Generalkonsulats der Türkischen Republik.

Integrationspolitik ist eine kommunale Schwerpunktaufgabe. Die Städtepartnerschaft kann ein wertvoller Beitrag im Rahmen einer integrationspolitischen Gesamtstrategie sein.

Eine formalisierte Partnerschaft ermöglicht es sowohl türkischstämmigen Migrant/innen als auch anderen Bregenzer/innen, die Türkei kennen zu lernen bzw. anders kennen zu lernen, als dies durch Urlaube und Verwandtschaftsbesuche möglich ist. Die Partnerschaft fördert ein modernes Bild der Türkei und der Türk/innen und somit einen konstruktiven interethnischen Austausch.
Eine Partnerschaft mit einer türkischen Stadt ist ein Ausdruck der Wertschätzung gegenüber Migrant/innen in Bregenz.

Was ist Beyoğlu?

Istanbul bzw. Konstantinopel bzw. Byzanz ist eine 10.000 Jahre alte Stadt am Bosporus, einer Meerenge zwischen Europa und Asien. Istanbul hat mittlerweile offiziell fast 13 in Wirklichkeit zwischen 15 und 20 Millionen Einwohner/innen und gilt als drittgrößte Stadt der Welt.

BeyoğluDas historische und politische Zentrum der Stadt liegt südlich des goldenen Horns (Haliç) in der Altstadt. Nördlich des goldenen Horns liegt die sogenannte Neustadt. Aber auch die Neustadt mit Beyoğlu als Zentrum zählt zu den ältesten Stadtteilen der Megastadt Istanbul.

Istanbul ist eine von 81 türkischen Provinzen (il) und fast ident mit der Großstadtgemeinde Istanbul (büyükşehir belediyesi). Beyoğlu ist einer von 39 Stadtteilen, die zugleich Landkreise (ilçe) und Gemeinden (belediye) der Provinz Istanbul sind. Beyoğlu ist also mit kommunalpolitischen Kompetenzen ausgestattet. Es ist das moderne Handels- und Kulturzentrum der Stadt, in dem ca. 250.000 bis 350.000 Menschen leben und somit etwa zehn mal so groß wie Bregenz.

Beyoğlu unterhält Partnerschaften zu Genua (Italien), Sofia-Sredets (Bulgarien), Trondheim (Norwegen), Ilyichevsk (Ukraine), Mannheim (Deutschland) und Berlin-Mitte (Deutschland).

Warum ausgerechnet Beyoğlu?

Gegen eine Partnerschaft ausgerechnet mit einem Stadtteil von Istanbul könnte angeführt werden, dass Istanbul eine Großstadt ist und Bregenz eine Kleinstadt. Es wäre also sinnvoller eine Partnerschaft mit einer türkischen Stadt zu machen, die in etwa der Größe von Bregenz entspricht.

Abgesehen davon, dass es eine Ehre für Bregenz ist, dass sich das Zentrum einer Weltstadt vorstellen kann, ja es sich sogar wünscht, Partnerin von Bregenz zu werden, bietet Beyoğlu hinsichtlich Infrastruktur, potentieller Partner/innen, Kulturangebot, Offenheit und Modernität etc. die für eine Partnerschaft notwendigen Voraussetzungen, die eine türkische Kleinstadt nicht bieten kann. Dies haben etwa auch die Erfahrungen mit Bahçeşehir gezeigt.

Beyoğlu zeigt ein modernes Bild der Türkei, das für Bregenzer/innen mit und ohne Migrationshintergrund eine integrationsfördernde Wirkung haben kann.

Konkrete Zielsetzung

Vorrangiges Ziel ist die Gründung einer Initiative, die das Projekt „Städtepartnerschaft Beyoğlu – Bregenz“ vorantreibt. (Sommer 2010)

Im kommenden Arbeitsjahr (2010/2011) soll ein weiterer Austausch Beyoğlu–Bregenz organisiert werden. Angedacht ist ein Gegenbesuch insbesondere von Kulturschaffenden aus Istanbul in Bregenz. Neben den Bereichen Theater und Film können dabei weitere Kulturbereiche, z.B. Fotographie, Tanz, bildende Kunst, einbezogen werden.

In einem weiteren konkreten Projekt soll die Partnerschaft über die Bereiche Jugend und Kultur hinaus ausgeweitet werden, z.B. in den Bereich Sport.

Ulaş Ak plant seinen neuesten Film in Bregenz enden zu lassen. Er wird daher ca. eine Woche lang in Bregenz drehen. Dieses Vorhaben wird von der Initiative nach Kräften unterstützt.

Die Initiative wird vorerst als Projektgruppe des Vereins Motif eingerichtet. Eine Mitgliedschaft ist aber keine Voraussetzung für die Mitwirkung.

Langfristig sollen durch die Partnerschaft möglichst viele Bregenzer/innen (unabhängig von der Herkunft), die Möglichkeit haben, die moderne Türkei kennen zu lernen und in Austausch zu treten.

So wie bereits in den bisherigen Projekten sind Bregenz und Beyoğlu zwar die Drehscheiben des Austausches, der sich aber nicht darauf beschränkt, sondern darüber hinaus ausstrahlen kann und soll.

Eine Städtepartnerschaft beruht auf Gastfreundschaft, Höflichkeit, Diplomatie und auf freundschaftlichen Kontakten. Sie darf aber nicht in Lobhudelei und Schönfärberei verkommen. Eine Partnerschaft muss es auch aushalten, ja bietet die Chance, sich gegenseitig den Spiegel vor zu halten und Widersprüche und Missstände in den jeweiligen Gesellschaften zu diskutieren.

Links

Bregenz www.bregenz.at
Beyoğlu www.beyoglu.bel.tr
Between www.between.at
Motif www.motif.at
Supro www.supro.at
→ Anababa – Meine Familie und ich http://www.mariaebene.at/start.php?textID=5542
Akbank Sanat www.akbanksanat.com
Ali Poyrazoğlu Tiyatrosu – www.alipoyrazoglutiyatrosu.net
Ortaoyuncular – www.ortaoyuncular.com
Umut Çoçukları Derneği – www.umutcocuklari.org.tr
Beyoğlu auf Wikipedia – http://de.wikipedia.org/wiki/Beyo%C4%9Flu

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2 Antworten zu Städtepartnerschaft Beyoğlu

  1. whatever schreibt:

    Die Stadt in Israel heißt Akko bzw. eingedeutscht Akkon und nicht Akkor

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